Momente

 

An der Küste Norddeutschlands geboren, so verlief mein Leben eigentlich relativ "normal" - eben so wie die eines Jungen der auf dem Lande - als Friese- aufwächst, die Schule besucht - eine Ausbildung beginnt und -wenn alles gut verläuft-diese auch beendet.

In grober Erinnerung an diese Zeit blieb mir die erste Verliebtheit bwz. der damit verbundene Kuss. Der Beitritt in den Fußballverein meines Heimatortes.

Die Fußballweltmeisterschaft  1974, aus der Deutschland als Weltmeister hervorging. Das erste Mofa, das mir später gestohlen wurde. Das Berufsverbot kommunistisch angehauchter Lehrer. Die Demonstration in Brockdorf - gegen AKW - an der ich teilnahm. Das bestehen der Führerscheinprüfung. Das erste Auto und natürlich die Musik dieser Zeit, sowie das erste Open Air Konzert, an dem auch Musiker teilnahmen, die in dem Hotel gastierten, in dem ich mich als Auszubildender verpflichtet hatte.

Nachdem ich diese Ausbildung zum Koch, vom Koch über den Weltbesten, zum weltbesten Zauberkoch abgeschlossen hatte, fuhr ich, sowie ich es beim Leeren einer Flasche Rotwein beschlossen  hatte - begleitet vom Sound der "Nina Hagen Band" - talentiert aber völlig fehlgeleitet in die Großstadt nach Berlin.

Vorab verliebte ich mich in der Heimat- unglücklich -, vielleicht um nun dem Morloch dieser Stadt begegnen zu können.

Herman Hesse gelesen, die Bibel entsorgt, meine Schallplattensammlung- ein Stück achtundsechsiger Kulturgeschichte im Gepäck, so kam ich an den ersten "Cocktail". "Clockwerk Orange" wurde im "Kreuzberger Babylon" an die Leinwand projiziert.

Der stille Begleiter meiner Kinobesuche - Hugo der Barmann-sei, so erfuhr ich später, in Frankfurt festgenommen worden, was nicht wenige Spekulationen hinsichtlich seiner Person nach sich zog.

Es blieb mir Anja, eine Freundin, die im selben Club arbeitete. Sie lud mich, nachdem Martina meine damalige Affäre beschlossen hatte, nach Westdeutschland zurückzukehren, des öfteren zu sich ein.

Nun lebte ich, zusammen mit anderen Protagonisten in der Mauerstadt, um vielleicht verwegene Träume und Hoffnungen war werden zu lassen. Auch wenn diese letztendlich auf dem Kurfürstendamm oder am "Bahnhof Zoo" enden sollten.

Kreuzberg 1.Mai 1987

Regine, Anja und ich waren auf dem Weg in die Diskothek dem "Trash", als wir in das alljährlich stattfindende Ritual der Demonstration rund um Kreuzberg gerieten.

Die absurde Situation glich einem Volksfest , das völlig außer Kontrolle geraten war.

Bis hin zum eigentlichen Ziel kämpften wir uns durch Polizeikräfte, Demonstranten und andere obskure Gestalten, die das vorherrschende Chaos zudem noch ergänzten [verstärkten].

Kurz vor dem Ziel wurde ich von Polizisten darauf hingewiesen, dass auch in Ausnahmenzuständen, die Straße nur bei "Grün" zuüberqueren sei. Ich zeigte mich scheinbar einsichtig- zumal das "Trash" fast erreicht war. Unterhalb dieser Diskothek befand sich ein Supermarkt, der inmitten all dem Chaos, von der Kreuzberger Bevölkerung, in aller Ruhe geplündert wurde.

Einzelne Barrikaden- die die Kreuzberger Strassen säumten, brannten und die Polizei, die mangels Einsatzkräfte nur selten zu sehen war, griff kaum ein, so dass die Bevölkerung den nicht ganz legalen Einkauf sorglos fortsetzen konnte.

Es war nun einmal so, dass der Inhaber des Discounters das verrückte Partytreiben bis hinauf zum Tanzgelage unfreiwillig sponserte.

Es öffnete sich eine Tür - wir waren am Ziel, wir waren im "Trash".

Durch die riesigen Atelierfenster, des Tanzsaals, war ein heller Schein zusehen. "Bolle" ein Supermarkt, ganz in der Nähe gelegen, brannte. Später - auf dem Heimweg, berichteten Passanten [uns], dass die verzweifelten Löschversuche der Feuerwehr, von autonomen Chaoten, massiv unterbunden wurden. So wurde [uns] erzählt, dass dir Schläuche der Löschtruppen mit dem entsprechenden Equipment durchtrennt und die Löschfahrzeuge- zum größten Teil- durch bewerfen mit Molotowcocktails außer Gefecht gesetzt wurden.

Am nächsten Morgen, als die Schlacht scheinbar geschlagen war, stellte Regine erschrocken fest, dass wir am Vorabend, nicht alles an Ware besorgt hatten, sodass wir beschlossen, den Supermarkt aufs Neue aufzusuchen, um das Fehlende an Ware zu besorgen.

Doch das Betreten des Geschäftes gestaltete sich äußerst schwierig, da die Polizei bereits dabei war, die entstandenen Schäden zu protokollieren.

Am Abend dann, griff die Berliner Polizei, nachdem sie ihre Einsatzkräfte, durch westdeutsche Kollegen verstärkt hatte, härter durch, sodass wir vor den anrückenden Wasserwerfern und den vorrückenden Staffeln, in eine kleine Galerie flüchten mussten, von wo aus wir - an der Wand kauernd, das kriegsähnliche Treiben in der Oranienburger Strasse unentdeckt beobachten konnten.

Verletzte, die die Polizei niedergeknüppelt hatte, wurden von "linken Sanitätschaoten" gerettet und anschließend versorgt, wenn nicht auch gerade diese Opfer der Polizei wurden.

Ich meine mich erinnern zu können, dass sich Regine an diesem Abend die Narben ihrer Brustoperation aufgerissen hatte und bereute Anja in dieser Nacht nicht geküsst zu haben.

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